Jüdi­sches Lehrhaus

Grußwort

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde des Jüdischen Lehrhauses,

Neu­gier ist in ers­ter Linie ein ange­bo­re­nes Ver­hal­ten, das der Ori­en­tie­rung in der natür­li­chen und sozia­len Umge­bung dient. Als Teil der mensch­li­chen Natur kor­re­liert sie mode­rat mit Intel­li­genz und Krea­ti­vi­tät. Neu­gier kann auch als star­kes Ver­lan­gen nach Wis­sen gedeu­tet wer­den. So beschreibt der Begriff „wis­sens­durs­tig“ Men­schen, die aktiv nach Infor­ma­tio­nen suchen und sich mit ver­schie­de­nen The­men aus­ein­an­der­set­zen möchten.

Laut dem Natur­phi­lo­so­phen Pla­ton wird die Auto­ri­tät des Den­kens in Fra­gen des Wis­sens und der mensch­li­chen Erkennt­nis sicht­bar. Der Antrieb, „hin­ter die Din­ge“ schau­en zu wol­len, stellt für ihn den Anfang aller (phi­lo­so­phi­schen) Leh­re dar.

Die­se Span­nung wird pro­duk­tiv, indem Begrif­fe des pla­to­ni­schen Den­kens in die jüdi­sche Tra­di­ti­on inte­griert werden.

Selbst­ver­ständ­lich pas­sen wir unser Lehr­an­ge­bot dem moder­nen Zeit­geist an und set­zen auf Ihre Neugier.

Chris­ti­na Wirth zeigt anhand der Lebens­ge­schich­te von Anna Kaletska, die 1946 inter­viewt wur­de, dass auf die Befrei­ung aus dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen KZ-Sys­­tem oft kein Neu­an­fang, son­dern ein lan­ges Wei­ter­le­ben mit Trau­ma­ta folgte.

Mit der Fra­ge, wie wir mit belas­te­ten Kunst­wer­ken in evan­ge­li­schen Kir­chen umge­hen, beschäf­tigt sich ein Abend mit Vor­trag und Podi­um. Zu Gast ist Mari­on Gar­dei, die über das akti­ve Auf­spü­ren anti­se­mi­ti­scher und NS-bezo­­ge­­ner Kunst berichtet.

Im Mur­n­au-Fil­m­­the­a­­ter zei­gen wir den Doku­men­tar­film „Das Unge­sag­te“ über das Schwei­gen in deut­schen Fami­li­en nach 1945, über Ver­drän­gung und Ver­ant­wor­tung sowie die jüdi­sche Perspektive.

Mit Lesung, Musik und Gespräch wid­men wir uns Mascha Kalé­ko, die als poli­ti­sche Dich­te­rin im Exil ihre Stim­me erhob. Zu hören sind Hart­mut Boger und Elke Weber-Boger, musi­ka­lisch beglei­tet vom Duo Contraverso.

Karo­li­ne Preis­ler liest aus ihrem Buch „Streit und Stra­ßen­kampf – Unter­wegs für die Frei­heit“ und spricht über Gegen­warts­de­bat­ten, Anti­se­mi­tis­mus auf der Stra­ße sowie ihre per­sön­li­chen Erfah­run­gen zwi­schen Enga­ge­ment und Bedrohung.

Eben­falls aktu­ell ist Sarah Levys Buch „Kein ande­res Land“, in dem sie die Ereig­nis­se des 7. Okto­bers und die Erfah­run­gen zwi­schen Isra­el und Deutsch­land beschreibt. Shel­ly Kup­fer­berg liest aus „Stun­den wie Tage“, einer viel­schich­ti­gen Geschich­te über Wider­stand, Erin­ne­rung und den Nach­hall in der Gegenwart.

Im Rah­men ihrer Jubi­lä­ums­tour gas­tie­ren die Klez­ma­tics in Wies­ba­den – ein Fest für alle, die jid­di­sche Musik lieben

In sei­nem Vor­trag beleuch­tet Ste­phan Kra­mer, Prä­si­dent des Amtes für Ver­fas­sungs­schutz Thü­rin­gen, die beson­de­re Bedeu­tung einer sta­bi­len Demo­kra­tie für Min­der­hei­ten und das jüdi­sche Leben.

Wir füh­ren mit Dr. Kathe­ri­ne Lukat über den Jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Stra­ße und bege­ben uns auf eine Rei­se durch 140 Jah­re Stadt- und Gemeindegeschichte.

Mit Oli­ver Glatz rei­sen wir nach Ams­ter­dam und fol­gen Men­as­seh ben Isra­el in das jüdi­sche Gol­de­ne Zeit­al­ter der Niederlande.

Nicht feh­len dür­fen die Kur­se für israe­li­sche Tän­ze mit Colin Glo­gau­er sowie unse­re Koch­work­shops mit Anat Koz­l­ov. Wer sei­ne Kör­per­wahr­neh­mung und Bewe­gungs­qua­li­tät ver­bes­sern und mehr über den Namens­ge­ber erfah­ren möch­te, emp­feh­len wir den Fel­­den­­krais-Kurs mit Karo­li­ne Röhr. Hebrä­isch-Kur­­se wer­den unter der Lei­tung von Nira Sche­rer angeboten.

Wir dan­ken unse­ren Koope­ra­ti­ons­part­nern für die inhalt­li­chen Impul­se und die gute Zusammenarbeit.

Es lohnt sich, neu­gie­rig zu sein! Wir freu­en uns, wenn Sie im 26. Semes­ter seit der Wie­der­grün­dung des Jüdi­schen Lehr­hau­ses Wies­ba­den mit uns ent­de­cken, ler­nen, dis­ku­tie­ren, lachen, zuhö­ren, schme­cken und staunen.

Dr. Jacob Gutmark
Dez­er­nent für Kul­tur der Jüdis­chen Gemein­de Wiesbaden

Ste­ve Landau 
Lei­ter des Jüdis­chen Lehrhauses

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Geschichte des Jüdischen Lehrhauses Wiesbaden (Kurzfassung)

Franz Rosen­zweig (geb. 1886 in Kas­sel – gest. 1929 in Frank­furt am Main) eröff­ne­te 1920 in Frank­furt am Main das „Freie Jüdi­sche Lehr­haus“. An die­ser Bil­dungs­ein­rich­tung für Erwach­se­ne, deren Depen­dance in Wies­ba­den eröff­ne­te, wur­de der Grund­satz ver­folgt: „Das Lehr­haus soll uns leh­ren, war­um und wozu wir sind.“ Das Jüdi­sche Lehr­haus hat­te außer­dem das Ziel, tra­di­tio­nel­les jüdi­sches Wis­sen zu ver­mit­teln und eine hand­lungs­ori­en­tier­te Wis­sens­pra­xis zu fördern.

Eine beson­de­re Bedeu­tung kam der Begeg­nung zwi­schen der jüdi­schen Gemein­schaft und der Mehr­heits­ge­sell­schaft zu. Die­se Begeg­nung soll­te weder eine Mis­si­on noch die Auf­ga­be der eige­nen Iden­ti­tät bedeu­ten, son­dern eine „Ich-Du-Bezie­hung“, wie Buber sie bezeich­ne­te, also eine dau­er­haf­te Part­ner­schaft auf Augen­hö­he sein. Rosen­zweig streb­te an, jüdi­sches Wis­sen und jüdi­sche Wer­te auch in die nicht­jü­di­sche Umge­bung zu tra­gen und somit eine Brü­cke zwi­schen den Kul­tu­ren zu schlagen.

Zen­tral war dabei das Kon­zept des „lebens­be­glei­ten­den Ler­nens“. Das Lehr­haus ver­stand Bil­dung als einen kon­ti­nu­ier­li­chen Pro­zess, bei dem Tra­di­ti­on und Moder­ne auf­ein­an­der­tref­fen und sich gegen­sei­tig befruch­ten soll­ten. Es soll­te ein Ort sein, an dem ein leben­di­ger Aus­tausch von Ideen und ein offe­ner Dia­log zwi­schen Men­schen unter­schied­li­cher Her­kunft und Über­zeu­gun­gen statt­fin­den konnten.

Das päd­ago­gi­sche Modell von Franz Rosen­zweig wur­de bis zur Schlie­ßung im Jahr 1938 durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten von dem Reli­gi­ons­phi­lo­so­phen Mar­tin Buber, dem Psy­cho­lo­gen Erich Fromm, dem Päd­ago­gen Ernst Simon und dem Arzt Richard Koch wei­ter­ge­tra­gen. Trotz des abrup­ten Endes des Lehr­hau­ses setz­ten sie das päd­ago­gi­sche Erbe von Rosen­zweig fort und lie­ßen sei­ne Ideen in ihren eige­nen Wer­ken und Akti­vi­tä­ten weiterleben.

Das Jüdi­sche Lehr­haus Wies­ba­den wur­de im Mai 2013 wie­der­ge­grün­det und setzt die Tra­di­ti­on des Frank­fur­ter Hau­ses fort.