Grußwort
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde des Jüdischen Lehrhauses,
im Buch Levitikus (19,32; hebräisch ויקרא – Wajikra: „Und er rief“) heißt es: „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und das Angesicht eines Ältesten ehren.“
Josef Karo (1488–1575) erläutert in seinem Gesetzeswerk „Schulchan Aruch“ (hebräisch שולחן ערוך – zu Deutsch: „Der gedeckte Tisch“) hierzu, dass mit einem „Ältesten“ nicht allein ein Mensch hohen Alters gemeint ist, sondern insbesondere ein Gelehrter.
Karo führt in seiner Sammlung religiöser Gesetze aus, dass es ein Gebot sei, vor einem Gelehrten aufzustehen, selbst wenn dieser noch nicht alt und nicht der eigene Lehrer ist. Ebenso soll einem weisen nichtjüdischen Menschen Ehre erwiesen werden. Man begegnet ihm mit respektvollen Worten und reicht ihm die Hand, um ihn zu stützen.
Sowohl die Tora, deren Name auch „Lehre“ bedeutet, als auch die jüdische Überlieferung betonen die Bedeutung des gemeinsamen Lernens und des zugewandten Austauschs. Dieses Lernen steht in enger Verbindung mit den Werten Freiheit, Würde und Unabhängigkeit.
Auch im kommenden Semester laden wir Sie dazu ein, Geschichte und Gegenwart aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Dabei richten wir den Blick sowohl auf die jüdische Vergangenheit als auch auf die Herausforderungen unserer Zeit.
Mit dem Historiker Dr. Axel Doßmann erinnern wir an Rosch ha-Schana 1946 in Wiesbaden und hören Stimmen von Überlebenden, die unmittelbar nach der Schoa aufgezeichnet wurden. Eine Führung über den Friedhof „Schöne Aussicht“ eröffnet Einblicke in mehrere Jahrhunderte jüdischer Stadt- und Gemeindegeschichte.
Aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen stehen ebenfalls im Mittelpunkt des Programms. So analysiert der Journalist Igal Avidan die bevorstehenden Wahlen in Israel und die Frage nach der Zukunft der israelischen Demokratie. Die Forschungsergebnisse zu Antisemitismus und Israelfeindlichkeit im hessischen Protestgeschehen nach dem 7. Oktober 2023 stellt Anika Schleinzer vom Hessischen Landesamt für Verfassungsschutz vor. Neue Perspektiven auf Israels Rolle im Nahen Osten und die kulturelle Verortung der israelischen Gesellschaft eröffnet Prof. Dr. Johannes Becke.
Literatur und persönliche Erfahrungen bereichern das Programm ebenso. Gemeinsam mit Hartmut Boger widmen wir uns dem Werk der Schriftstellerin Ilse Aichinger, deren sprachskeptische Literatur bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Zudem freuen wir uns auf die Begegnung mit Karoline Preisler, die aus ihrem Buch „Streit und Straßenkampf – Unterwegs für die Freiheit“ liest und von ihrem Einsatz für Demokratie und Meinungsfreiheit berichtet.
Darüber hinaus laden wir zum „Tag der offenen Tür“ in die Synagoge ein. Mit israelischen Tänzen, Kochworkshops, Feldenkrais und Hebräischkursen bieten wir die Möglichkeit, jüdische Kultur nicht nur kennenzulernen, sondern auch selbst zu erleben.
Wer Wissen achtet, ehrt nach jüdischem Verständnis nicht nur den Gelehrten, sondern auch den Wert des Lernens selbst. In diesem Sinne verstehen wir das Jüdische Lehrhaus als einen Ort der Begegnung, des gemeinsamen Lernens und des respektvollen Gesprächs. Wir freuen uns, wenn Sie diesen Weg auch im 27. Semester seit der Neugründung des Jüdischen Lehrhauses mit uns gehen.
Dr. Jacob Gutmark
Dezernent für Kultur der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden
Steve Landau
Leiter des Jüdischen Lehrhauses
Kontaktdaten
Jüdische Gemeinde Wiesbaden
Friedrichstraße 31–33
65185 Wiesbaden
Telefon: 0611–93 33 030
Fax: 0611–93 33 03 19
E‑Mail schreiben
Bankverbindung
Jüdische Gemeinde Wiesbaden
IBAN:
DE93 5105 0015 0277 0004 28
Nassauische Sparkasse
Mit Förderung durch das Kulturamt der Landeshauptstadt Wiesbaden.

Geschichte des Jüdischen Lehrhauses Wiesbaden (Kurzfassung)
Franz Rosenzweig (geb. 1886 in Kassel – gest. 1929 in Frankfurt am Main) eröffnete 1920 in Frankfurt am Main das „Freie Jüdische Lehrhaus“. An dieser Bildungseinrichtung für Erwachsene, deren Dependance in Wiesbaden eröffnete, wurde der Grundsatz verfolgt: „Das Lehrhaus soll uns lehren, warum und wozu wir sind.“ Das Jüdische Lehrhaus hatte außerdem das Ziel, traditionelles jüdisches Wissen zu vermitteln und eine handlungsorientierte Wissenspraxis zu fördern.
Eine besondere Bedeutung kam der Begegnung zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der Mehrheitsgesellschaft zu. Diese Begegnung sollte weder eine Mission noch die Aufgabe der eigenen Identität bedeuten, sondern eine „Ich-Du-Beziehung“, wie Buber sie bezeichnete, also eine dauerhafte Partnerschaft auf Augenhöhe sein. Rosenzweig strebte an, jüdisches Wissen und jüdische Werte auch in die nichtjüdische Umgebung zu tragen und somit eine Brücke zwischen den Kulturen zu schlagen.
Zentral war dabei das Konzept des „lebensbegleitenden Lernens“. Das Lehrhaus verstand Bildung als einen kontinuierlichen Prozess, bei dem Tradition und Moderne aufeinandertreffen und sich gegenseitig befruchten sollten. Es sollte ein Ort sein, an dem ein lebendiger Austausch von Ideen und ein offener Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Überzeugungen stattfinden konnten.
Das pädagogische Modell von Franz Rosenzweig wurde bis zur Schließung im Jahr 1938 durch die Nationalsozialisten von dem Religionsphilosophen Martin Buber, dem Psychologen Erich Fromm, dem Pädagogen Ernst Simon und dem Arzt Richard Koch weitergetragen. Trotz des abrupten Endes des Lehrhauses setzten sie das pädagogische Erbe von Rosenzweig fort und ließen seine Ideen in ihren eigenen Werken und Aktivitäten weiterleben.
Das Jüdische Lehrhaus Wiesbaden wurde im Mai 2013 wiedergegründet und setzt die Tradition des Frankfurter Hauses fort.


